Sonntag, 16. Oktober 2016
Kneipe II
Der nächste Versuch : halb 1. Meines Erachtens eine nachtschlafende Zeit. Aber was tut man nicht alles um einen kinderfreien Abend zu würdigen. Und aus noch ein paar Gründen mehr.
Der schöne Nachbar samt seiner Liebsten war nicht mehr in der Kneipe. Aber auch sonst war die Anzahl der Leute sehr dezimiert. Nach nur einer Stunde saß ich allein mit einem jüngeren und einem älteren Herren auf den Sofas. Selbst die Bedienung machte Feierabend und wies uns in die Funktion des Sicherungskastens ein - zum abschließenden Lichterlöschen.
Aber wir waren noch lange nicht soweit. Ich kämpfte mit meinem zweiten Bier. Nicht das es nicht geschmeckt hätte. Nur mein teilweise verlangsamtes Sprachzentrum und die Sorge, beim Aufstehen mich unschicklicherweise nicht mehr gerade halten zu können, brachten mich dazu, vorsichtig nur noch kleine Schlückchen zu nehmen und am Ende den Rest zu verschenken.
Es war witzig. Und irgendwie surreal. Zumindest für meine bisherige Erlebniswelt. Nachts um 2 mit zwei Männern in einer verlassenen Kneipe. Unsere Gesprächsthemen versiegten nie. Wunderbar elegante Wechsel vom Vergleich des Tischler- und des Schmiedeberufs über das Wesen von Tantra zu dem Unterschied des Lebens in Berlin oder in einem Dorf bis hin zu der Frage, was das für Leute wohl sind, die Fetischparties besuchen. Eine unterhaltsame Mischung. Halb 4 hievte ich mich langsam und vorsichtig vom Sofa hoch, streckte mich und verkündete, dass ich nach Hause gehen würde. Der Rest entschied ebenso.
Mein Weg war kurz und zehn Minuten später lag ich im Bett. Nochmals zehn Minuten später schlief ich wahrscheinlich.
Und tief im Traum hörte ich meine Tür knarren, Schritte, jemand an meinem Bett. Mein Gehirn ganz benebelt analysiert automatisch den Besucher als den jüngeren der beiden Männer. Kann natürlich nicht sein. Wir sind ja nicht in einem Ü18 Film. Aber Schlafmangel und Restalkohol lassen den Sinn für die Realität schrumpfen. Der Jemand rückte vertraut nah an mich heran, sagte irgendetwas und ich murmelte (wahrscheinlich enttäuscht klingend) in mein Kissen :"Ach, Du bist es!". Der schöne Nachbar war auch enttäuscht. Und ging wieder. War auch besser so.

Heute morgen kommt er kurz herein (ich bin erstaunlicherweise schon wach) und scheint etwas ärgerlich zu sein. Quetscht mich über meinen Kneipengang und das "Wer" meiner Kneipenmitgänger aus und verläßt nach kürzester Zeit missmutig das Zimmer. Ich stecke zwischen dem Gefühl, alles wieder glätten zu wollen und dem Registrieren meines eigenen Unwohlseins, als ich ihn mit IHR vertraut bandelnd am Tresen stehen sah.
Mit immernoch Restalkohol und Müdigkeit im Gehirn denke ich jetzt, dass ich nicht nur von dem unsozialen Mann, welcher prinzipiell nicht auf Anrufe reagiert, Abstand halten sollte, sondern auch von dem schönen Nachbarn.
Die Kompliziertheit aus den Beziehungen nehmen sollte oder besser gesagt, Männer, welche eine Kompliziertheit mitbringen, tunlichst meiden sollte. Oder noch weiter heruntergebrochen: meinen eigenen Hang zu Komplikationen in Bezug auf Beziehungen zu überdenken.
So, und jetzt schlafe ich weiter. Mindestens bis heute mittag. Wenn man älter ist (41!) muss man wohl auch eine längere Rekonvalenszenszeit nach so einem ausuferndem Kneipengang einplanen. Ist so. Gibt aber schlimmeres.

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